märklin als Ersatz-Religion, oder: Der Sammler, das zwanghafte Wesen

Wenn man mit „Gleichstrom“ Modellbahnen aufwächst und sich dann mit märklin H0 beschäftigt kommt das einem Kulturschock gleich. Nicht so sehr in Bezug auf Mittelleiter und Schleiferd, eher, wie eine Vielzahl von Kunden (und Mitarbeitern) denken, wie sie re- und agieren.

Präambel: Ich mag märklin H0, so wie es war bis etwa so 2006. Sogar sehr. Das war, wie man vor 30 Jahren sagte „geiles Zeug“. Solide, unaufgeregt, verlässlich. Ähnlich wie Fleischmann rin typisches Produkt der Bundesrepublik.

Seitdem wurde absichtlich so viel verändert, dass ich nicht mehr mehr verstehe, wie sich die Marke ‚märklin H0‘ langfristig am Markt behaupten will.

Für ’normale Spielbahner‘ sehe ich eine handvoll Waggons und ein paar Loks. Alles Andere ist für Kinder oder die berühmten „Ärzte & Rechtsanwälte“.

Dass so eine Strategie nicht zwangsläufig aufgehen muss, das erfahren grad die netten schwäbischen Nachbarn bei Mercedes:

(c) spiegel.de

Zu meinem Text: Gestandene Mannsbilder flippen aus und schreien herum, weil sie märklin verachten (vorsichtig gesagt) und ihren Widerwillen durch Lautstärke betonen möchten, Andere suggerieren eine Weltanschauung, die fatal an ‚Blut & Boden‘ erinnert. Beides nervt.

Und dann sind da die ’solventen märklin-Sammler‘, die absolut keinen Spaß verstehen und genau eine Sichtweise dulden, wie ‚märklin H0‘ zu sammeln ist: 

  1. Bloß nicht mit den märklin Erzeugnissen spielen. Sonst verlieren die Fahrzeuge an ‚Wert‘.
  2. Auf keinen Fall irgendwas verändern, auch keine aktuelleren (natürlich besseren) Decoder oder neue Kupplungen einsetzen. Sonst verlieren die Fahrzeuge an ‚Wert‘.
  3. märklin H0 ist kein System-Spielzeug, es handelt sich um Sammel-Objekte. Man spielt nicht mit märklin H0. Sonst verlieren die Fahrzeuge an ‚Wert‘.
  4. Entscheidungen aus Göppingen sind prinzipiell richtig, die wissen schließlich, was sie tun; selbst Fragwürdiges ist hinzunehmen. Was für die meisten märklin-Sammler ohnehin keine Auswirkungen hat, siehe Punkt 1. 
  5. märklin nennt auch auf Anfragen nur selten Infos, die über das hinausgehen, was ohnehin im Katalog steht. Der Kunde möge bitte im geistigen Korsett bleiben, das märklin vorgibt. Das Projekt misslingt? Selber schuld.
  6. Obrigkeitshöriger Mist ist das.
  7. Wer erklärt den Leuten Dekadenz?
  8. Und woran eigentlich erkennt man eine Sekte? ☺️

Ein Artikel zum Thema ‚Sekte‘ listet Signifikanzen auf, den Artikel findet man hier, eine launige Interpretation der Ähnlichkeiten zu märklin folgt unter dem Link.

https://www.sonntagsblatt.de/artikel/was-ist-eine-sekte

  1. Anspruch auf Exclusivität: Muss man bei märklin nicht erklären, oder? Wer andere Hersteller herabsetzend als „Fremdfabrikate“ bezeichnet, zeigt zumindest schlechten Stil. Dass märklin ausschließlich Loks mit ‚Sound‘ anbietet und das ehemalige, nette Hobby-Sortiment auf ein Minimum reduziert hat passt dazu. 
  2. Sozialstruktur: Wie ich oben schrieb, das Denken wird oft manipuliert; wer seine Modelle aufwertet „entwertet“ sie zugleich. Dadurch enthebelt man die Lust der Modellbahner an der kreativen Personalisierung ihres Eigentums (!). Weil der abstrakte ‚Wert‘ immer im Hinterkopf herumgeistert.
  3. Kritikresistenz: Ja, ach was. 😁 Die zu anderen Herstellern kompatible Kupplung, überhaupt die KK, das DCC-Format und anderes folgte bei märklin immer erst dann, wenn der Wettbewerb es schon längst hatte. Weil das Alte bewährt ist. Egal, wie beknackt das aktuelle ICE-2 Modell mit den 100% falschen Drehgestellen aussieht, märklin macht es eben so.
  4. Abhängigkeitsverhältnis: Wer sich auf märklin H0 einlässt bleibt entweder bequem markentreu, oder er muss sich fortwährend wegen der vielen Eigenheiten des Sortiments bei anderen Produkten fragen ‚passt das zu märklin‘? So klittert man den optisch wie technisch seit 1953 überholte Mittelleiter als ‚beste Lösung‘ und schafft so technische wie emotionale Abhängigkeiten, während Hornby ganz einfach auf die Verpackung druckt, was zu beachten ist. Genau.
  5. Einfaches Weltbild: märklin behauptet, für alles eine einfache Lösung zu bieten. Wer in Foren liest (jaja, schon klar), der weiß, dass längst nicht alles so einfach passt.
  6. Mitgliedschaft: Nur wer zahlt ist dabei, auch bei märklin sind die zahlenden Mitglieder des ‚Insider‘ Clubs sozusagen VIP. Bei einem System-Spielzeug, man stelle sich vor.
  7. Abgrenzung von der Gesellschaft: märklin geht dem Wettbewerb auffällig oft aus dem Weg. Anstelle von Spur N entschied sich märklin, eine eigene Z zu bauen. Anstelle in H0 endlich auf internationale Gleise zu setzen und einen Angebots-Pool mit allen Anbietern zu bilden bleibt man autoritär beim Mittelleiter. Das gehört eben so? Nein, tut es nicht. Emotionale Erpressung nennt man das. Wer dies in Abrede stellt verweigert sich der Realität, dass das ganze Modellbahn-Hobby ein rein emotionales ist und Kunden genau über solche Vorgehensweisen manipuliert werden. 
  8. Kontrolle: Das „Nicht-Beachten von Regeln“ lässt sich gleichsetzen mit der Ansage in märklins Anleitungen, die Digital-Produkte seien nur einzusetzen mit „von märklin freigegebenen“ Geräten. Vermutlich eine juristische Nummer, um sich, wieder aus Angst, schadlos zu halten. Es ist schon vorgekommen, dass märklin die Garantie verweigert hat, weil „systemfremde“ Geräte zum Betrieb verwendet wurden, obwohl der Lokdecoder aus sich selbst heraus kaputtgegangen ist. Weiter: Das hauseigene mfx-Signal darf inzwischen von Mitbewerbern genutzt werden, aber naaatürlich nicht in vollem Umfang, den gönnt sich märklin nur selbst (vom umständlichen Papierkrieg zur Erlaubnis ganz zu schweigen…). Als ausdrücklich als DC-Radsätze erworbene Achsen für einen Trix-H0 ICE2 Zug über die Kleineisen von Roco Line Gleisen hoppelten, verstieg sich ein märklin-Service-Mitarbeiter zu der Aussage, das seien ja keine Trix Gleise, also seien die „Radsätze von märklin dafür nicht freigegeben“. 🤨 Erst mein Hinweis auf bestehende Normen nahm ihm den Wind aus den ‚märklinistischen‘ Segeln. …nicht zu fassen…
  9. Ergänzung, Punkt 9, Gaslighting: Mitte der 90er Jahre erklärte mir ein eigentlich sehr netter Mensch aus dem märklin Service, die märklin-Wechselstrom-Bahn habe gegenüber den Gleichstrom-Fahrern einen wichtigen Vorteil: Wenn man zulange mit DC in derselben Richtung herumfahre, dann würde die eine Schiene immer größer, und die andere kleiner. „Wegen der Elektronen!“ Wenn das mal keine waschechte Verschwörungstheorie ist. 🥳
Hornbys hält seine Kunden offenbar für intelligent genug, auch ohne Mittelleiter eine Wendeschleife zu bauen. Bemerkenswert, isn’t it? ☺️🫖

Wenn man also als Freidenker (nicht Quer-!) aufgewachsen ist, dann sind die oben genannten Aspekte völlig absurd.

Dazu kommt märklins fragwürdige Ping-Pong-Denke in Bezug auf die eigenen Kunden, und die geht so:

Einerseits verschweigt märklin alle möglichen Infos über die eigenen Produkte und sagt im Service hinter vorgehaltener Hand, dass sie sich deswegen nicht äußern, weil sie die eigenen Kunden für zu blöd halten, und befürchten (!), für etwaige Fehler des Kunden geradestehen zu müssen. Aber gerade WEIL sie sich so verschlossen geben, misslingt den Leuten dies und das. Und dann fühlt man sich bei märklin auch noch bestätigt. Henne oder Ei?

Bei märklin erwartet man ernsthaft, dass die Kunden sich den Vorgaben, ob nun offiziell oder inoffiziell, unterwerfen, und viele märklin-Kunden tun das sogar gerne. Was eigentlich für sie spricht: Sie vertrauen der Marke so sehr, dass sie auf bei anderen Herstellern mögliche Freiheiten absichtlich verzichten. Das ist Liebe, meine Herrschaften. Damit sollte man achtsam umgehen.

Wer sich eigene Gedanken leistet und ungewöhnliche Fragen zu Produkten stellt, der wird komisch angeschaut: Freies Denken ist in märklins Denkmuster nicht vorgesehen: Darauf haben sie auch ‚gar keinen Bock‘. Siehe der verlinkte Artikel.

…ach ja, ich vermisse Arnold, Fleischmann, LGB und Trix in Nürnberger Prägung… 🚂❤️‍🔥

🙂🚂