TT Hornby TT:120 „Qualität“.

Wer aufgewachsen ist mit Marken wie Fleischmann, märklin, Roco oder (Mini-)Trix kommt aus dem Staunen nicht mehr heraus, wenn er Hornbys neue TT:120 Modellbahn betrachtet. Und das liegt nicht am Maßstab…

Das hier wird kein ‚Rant‘. Und klar mag ich 1:120, um das mal klarzustellen, genau wie N, H0 oder G. Der Maßstab ist dabei nur ein konstruktives Konzept; hauptsächlich geht es um Produkt-Qualität und Lieferbarkeit. Tatsächlich zeitgemäße Produkte findet man in TT bei Roco und Piko, meistens jedenfalls, aber beide bieten noch immer zuwenig an, um 1:120 diesseits der ehemaligen (?) Grenze seriös zu etablieren.

Seit 2022 baut Hornby sein TT:120 Sortiment aus, mit beachtlichem Output und in attraktiver Vorbild-Auswahl. Hornbys TT:120 Gleissystem bietet schon jetzt viel mehr Elemente, als das schönere TT Gleis von Roco. Und und im Gegensatz zu hiesigen Anbietern hat sich Hornby direkt auch um Gebäude gekümmert. Andere UK Anbieter zogen nach, und inzwischen gibt es eine beträchtliche Auswahl an Häusern aus Resin oder Lasercut. Das alles wirkt sehr attraktiv, konsequent, vollumfänglich und klug. Aber.

Nur Produkte hinstellen reicht schon lange nicht mehr aus. Die Qualität muss stimmen.

Bei Hornbys TT-Fahrzeugen sind mir inzwischen wirklich blödsinnige Fehler aufgefallen. Es mangelt offensichtlich an grundlegendem Wissen über Modellbahnen. Fast könnte man meinen, die verantwortlichen Konstrukteure hätten vorher noch nie mit Modellbahnen zu tun gehabt. Dazu addiert sich eine nachlässige Fertigung, zum Beispiel, was die Radsätze oder Weichen betrifft. In Summe kein gutes Bild.

Hat man in UK nichts mitbekommen von der Modellbahn-Evolution, die sich hier auf dem Europäischen Kontinent, in Asien und in den USA seit Jahrzehnten ereignet? Auf YouTube wird höchstens der Maßstab infrage gestellt, eher selten die Qualität. Die Entscheider bei Hornby hätten darauf zuerst achten sollen, genau das ist nämlich ihr Job, um in einer selbstzerstörerischen (weil egozentrischen) Branche zu überleben. Eine Liste wäre hilfreich? Aber gern!

Das ist NICHT kurzgekuppelt.

Lang-Kupplungskulisssen:

Wer wiederholt in Modellbahnen Mechaniken für Kurzkupplungen einbaut, ohne dass im Ergebnis die Waggons Puffer an Puffer unterwegs sind, hat offensichtlich den Sinn nicht kapiert. Das ist schon peinlich, gerade angesichts des Aufwandes. Ich meine hier die Waggons des ‚Easterners‘ Startsets wie auch die Waggons des ‚High Speed Trains 125‘.

So eng hätte es sein können. Leider nein.

Wer eine elegante Optik wünscht muss Hornbys Mechaniken ausbauen und durch Besseres aus dem Bastlerbedarf ersetzen. Mit Fachkenntnissen hätte sich das vermeiden lassen.

Dasselbe Drama hier bei den Mark 1 Waggons. Plus die unnötigen Kupplungs-Boxen.

Es geht aber noch weiter; neuere Waggons lässt Hornby jetzt zwar fast Puffer an Puffer fahren (yay!), der Eindruck der riesigen Abstände bleibt aber unverändert, weil man versäumt hat, die eingezogenen Faltenbälge durch solche in ‚ausgezogenem Zustand‘ zu ersetzen. Mannomann! Denkt man die Dinge auch mal zuende? Roco konnte sowas schon in den 80er Jahren! Fakten, Liebes.

Wäre dieser „Normschacht“ tatsächlich normgerecht konstruiert worden, dann würde die N-Normkupplung nicht normwidrig herabhängen….

Dampfloks A4, schön aber ‚au Backe‘:

Die Dampfloks der Reihe A4 gehören zu den elegantesten Lokomotiven unserer Welt. Es war eine gute Entscheidung, so eine Maschine mit drei Waggons in Startsets zu packen, denn durch attraktive Züge entsteht der ‚Habenwill‘-Reflex. Offenbar auch in Kontinental-Bahnern. Aber die Konstruktion dieser Lok ist in zuvielen Aspekten eher fragwürdig.

Der Nachläufer ist eine Fake-Achse, ohne Spurkränze erhöht in den Rahmen geschraubt. Vermutlich aus ästhetischen Gründen wollte man in diesem sozusagen zugebauten Bereich bewegliche Teile vermeiden. Aber eine Achse gehört auf die Schienen, basta. Außerdem kann dieses Teil ab Werk dazu neigen, die Lok entgleisen zu lassen.

Rechts oben die Fake-Achse. Lok und Tender sind mit einem primitiven Stanzblech verbunden, also ohne Kulissen. Die unübersehbare ‚Kette‘ (Kabel-Verbindung) macht die Sache nicht schöner… Und ja, ich habe einen Kater, offensichtlich.

Der Tender als Steuer-Zentrale für die angetriebene Lok gefällt mir so ganz gut, aber dass kein einziger Kontakt der Schnittstelle als Löt-Pad herausgeführt worden ist zeigt nur, wie engstirnig die Konstrukteure gedacht haben. Ihnen kam nicht in den Sinn, dass Bastler mit ihren Modellen mehr vorhaben, als nur den Geräusch-Decoder einzuklippsen. Zum Glück beweisen viele viele Videos und Blogeinträge, dass die Realität eine andere ist.

Mid-Century Modern, übrigens eine sehr witzige Serie, aber als technisches Prinzip an Modellbahnen eher unerwünscht. Die Laufräder sind filigraner gestaltet, als die Treibräder, die mit ihren fetten Plastikringen entlang der Radreifen nur wenig der Vorbild-Eleganz vermitteln.

Die Führung des Vorläufers entspricht Konstruktionen der 50er / 60er Jahre, aus heutiger Sicht kann man das primitiv finden: Ein gestanztes, geknicktes Blechteil, das in seinem Quer-Langloch irgendwie das Drehgestell hält; zwei (!) Sprungfedern drücken den Laufradsatz-Block aufs Gleis. Meistens. Zuhauf finden sich frustrierte Meldungen und Tipps zur Nachbesserung.

Jetzt zum Highlight an Konstruktions-Fails:

…wipp-wapp…

Der Motor wirkt über sein Getriebe auf eine einzige Achse, die mittlere. Über die Stangen werden die anderen Achsen mitgenommen. Aber ausgerechnet die mittlere Achse wurde konstruktiv etwas tiefer angeordnet, als die zwei anderen. Über sie kippelt die Lok vor und zurück, was so Einiges erklärt. Das ist eine unerhörte Fehl-Konstruktion, komplett außerhalb dessen, was man von einem Modellbahn-Fahrzeug unserer Zeit erwartet. Wie es sinnvoll geht, zeigt das Foto einer märklin Z-Lokomotive:

(c) märklin, Pfeile von mobaz.de. Man bedenke, dass märklin seine Loks oft ohne Gleis fotografiert und dies erst später am Bildschirm vor die Räder setzt.

Märklin ordnet seit Jahrzehnten mittlere Achsen etwas höher an, damit die Loks auch bei ungleichmäßig verlegten Gleisen gut vorankommen. Das Foto der aktuellen Z-Dampflok (1:220!) zeigt, wie das gemeint ist. Optisch eleganter wäre natürlich eine gefederte Lagerung der mittleren drei Achsen in Langlöchern, damit sie wenigstens aufliegen, sich dennoch dem Gleisverlauf anpassen können. Also, was tun…?

In einer nervenzerfetzenden Aktion habe ich allerwinzigste Plastik-Streifen in die Lager der ersten und dritten Achse geklebt. Das hat echt lange gedauert, weil derartige Fummel-Arbeiten ziemlich ungeil sind. Aber ich wollte wissen, ob meine Idee funktioniert. Nun, dem ist so. Jetzt sind die Achsen 1 & 3 sicher auf den Schienen, und leichte Wölbungen des Gleisverlaufs sind kein Problem mehr. …aber selbstverständlich wurde ich während der Arbeit sauer; wie kann man denn nur so einen Mist auf den Markt bringen…

Ja, das hat geholfen: Winzige Streifen aus ‚dickeren‘ Enden der LED-Verpackungen in allen Lagern der Achsen 1 & 3. Pech und Schwefel!

Natürlich sollte Hornby die Gießform des Rahmens signifikant nachbearbeiten, wenn sie diese Lok-Typen langfristig ohne Kunden-Gemecker verkaufen wollen. Haftreifen auf der hinteren Achse sowie eine kräftige Federung der beiden Achsen ohne Antrieb wären zusätzliche, entscheidende Verbesserungen.

War’s das? Aber nein! 😊

Das kleine Startset:

Ganz aktuell ausgeliefert hat Hornby einen kleinen Dampfzug TT1005, ein Startset für den früher üblichen Preis von 100 Mark, dann 100 Euro. Auch dies auf den ersten Blick total sympathisch, eine schnuckelige Dampflok, deren Vorbild in 1:1 noch existiert, dazu zwei Güterwaggons und ein Gleisoval mit analogem Fahrgerät. Alles fein. Alles fein?

Ich sehe ein Oval mit viel großem Radius für den kleinen Zug. Wofür hat man bei Hornby in TT gleich vier verschiedene Radien, wenn man ihre Auswahl nicht auf den Inhalt der Startsets abstimmt? Wegen der Gleissets? Das wäre schon kleinlich. Kunden denken bestürzend oft selbst.

Das Set wird in einem Video ausführlich beschrieben, beim Anschauen war ich dann mehr und mehr irritiert, denn keins der Fahrzeuge besitzt Kulissen für Kurzkupplungen. Statt derer findet man Drehpunkte vor. Okay, bei der Lok könnte man das vielleicht noch verstehen, aber auch bei den Waggons? Die flexible Zentrierung übernehmen überlange Plastik-Stege, die man natürlich sieht. Gut, wenigstens das kennt man von märklin H0, aber dort gibt es für diese einfachen Waggons längst Austausch-Fahrgestelle. Mit Kulissen.

Da ist jemand ausnahmsweise angenehm überrascht von Hornby…

Was also bei Roco H0 seit den 80er Jahren Mindest-Standard ist und was sogar Fleischmann N ab den 90er Jahren umgesetzt hat, nämlich, dass wirklich ALLE (!) Güter- und Personenwagen Kurzkupplungs-Mechaniken besitzen, das ignoriert Hornby in 2025. Wie hier gezeigt am am Beispiel von Fleischmann H0 Waggons für Beginner (!): Gänzlich ohne altmodische Schrauben (typisch China) hat man eine Klippstechnik in intelligentem Design der Teile eingesetzt. Dadurch läuft auch die Fertigung selbst schneller, weil: Weniger Teile. Und die Kunden erhalten keine offensichtliche ‚B-Qualität‘.

Fleischmann H0 Waggons aus der günstigen Einsteiger-Serie. DAS ist kurzgekuppelt.

Intelligentes Design: Wagenboden, Kurzkupplungs-Halter inklusive ‚Kinematik‘, Kupplung. Mehr braucht es nicht. Wenn man weiß, wie es geht…

Was man tatsächlich für sein Geld bekommt, das beäugen viele Menschen derzeit ganz besonders aufmerksam. Überzeugende Qualität zu einem fairen oder gar attraktiven Preis, das hat die Modellbahn bis vor kurzer Zeit ausgezeichnet. Seitdem beide Parameter geändert worden sind haben sich auch die Stückzahlen geändert. Finde den Fehler.

Beide Screenshots (c) Hornbyhobbies. Ich nehme an, in solchen Fällen würde man in Göppingen von einer Auslieferung absehen…

Natürlich macht Hornby ein tolles Marketing, aber die vielen wirklich sympathischen Videos helfen einem nicht, wenn man vergrätzt ist über das, was vor einem auf den Gleisen steht.

Inzwischen mehren sich die Berichte über mangelnde TT:120 Qualität, aber bislang arbeiten die Leute Hornbys Versäumnisse an ihren Loks noch auf. Wie lange das so weitergeht, und wann die Ersten deswegen entnervt zu 00 oder N zurückkehren, das wird sich zeigen. Ein bisschen lustig wäre es, griffe ein hiesiger Hersteller den UK-Markt mit Konkurrenz-Modellen an, in einer Qualität, wie man sie von unserem Kontinent kennt. Eine A4 von Roco oder Piko mit feinen (Metall-)Rädern, Beleuchtung und Dampf wäre schon originell.

🙂🚂

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