Piko Decoder PSD XP: Besser, als ihr Image. Aber.
Zum halben Preis werden Pikos aktuelle Lok-Decoder PSD XP angeboten. Über die Gründe kann man spekulieren, einen Test ist es wert.
Wissenschaftliche Testreihen sind nichts für mich, ich prüfe neue Decoder zunächst nur darauf, ob die Basis-Funktionen meinen Erwartungen entsprechen. Der Rest ergibt sich später.
Ob das bei Pikos PSD XP Decodern (was für ein knarziger Name!) so ist? Ja und Nein.
Die gute Nachricht: Nahezu lautlos und extrem sanft setzen sich die Fahrzeuge in Bewegung. Das Brummen im Motor ist kaum bis gar nicht vernehmbar. Eine 151 von Roco, die mit einem aktuellen Esu Decoder ein nerviges Geräusch von sich gibt, rollt mit dem Piko Decoder leise und sanft los. Für mich Grund-Voraussetzung für einen Einsatz, Piko hat hier hervorragende Arbeit geleistet.

Das Abbremsen erfolgt ähnlich, nur auf den letzten Zentimetern ist ein leichtes, rhythmisches Rucken erkennbar, das sich womöglich noch abstellen lässt. …wobei ich schon Vorbild-Loks mit ähnlichem Verhalten gesehen habe.
Der Lichtwechsel rot/weiß über CV33=05 und CV34=10 ist schnell einprogrammiert, nur das seitenweise Abschalten ist mir trotz Anleitung nicht gelungen. Textaufgaben waren mir schon immer ein Gräuel, in D&H Decodern habe ich das sofort hingekriegt. Dort hat man an den knobel-faulen Kunden gedacht, siehe hier:
Tjaja, warum einfach, wenn es auch kompliziert geht. Apropos:
Der praxisfremd lang eingestellte Bremsweg lässt sich nicht verändern, ebenso die Verzögerung. Jedenfalls sieht es erstmal so aus. Kein Wert bewirkt irgendwas in der CV3 und CV4.
Via Google, nicht explizit aus der Anleitung, erfahre ich schließlich, dass man dafür im Decoder die CV53 auf den Wert 255 setzen muss. Denn Pikos PSD XP Decoder verwenden für die Verzögerungen einige andere CV, und für die bekannte Standard-Prozedur muss man den Decoder erst einstellen. Auch erforderlich: CV96 auf 01 setzen. Wie bitte?! Klare Sache:
Seit 1988, Lenz hatte damals für märklin die ersten ‚DCC‘ Decoder gebaut, sind die ersten fünf CV Eigenschaften sozusagen DCC-Allgemeinbildung. Das ist 38 Jahre her. Achtunddreissig.
Aber Piko ficht sowas nicht an, man macht einfach was Neues. Normen? Erwartungshaltung? Erfolgserlebnisse der Kunden? Ach, Kleinkram.
Mich interessieren dabei nicht die Gründe für diese Veränderung. Mich interessiert nur, ob die Kunden ohne Nachzudenken mit dem Produkt glücklich werden. ‚plug & pleased‘, habe ich grad‘ mal erfunden. 😉
Und nur, weil ich selbst eine Zentrale habe, die bis in die Puppen Werte programmieren kann gilt das nicht für jeden Modellbahner:
Besitzer der verbreiteten Lokmaus2 werden sich ohne Notwendigkeit ausgegrenzt fühlen, denn der erforderliche Wert der CV53 ist für sie nicht erreichbar. Die Lokmaus2 kann nur Werte programmieren zwischen 00 und 99, und natürlich hätte Piko anstelle 255 den Wert 00 auswählen können. Oder die Konzeption bei Auslieferung den Erwartungen entsprechen lassen, das wäre das Beste.

Aber weiter im Text: Auf der Taste 4 erwartet man den Rangiergang ohne Verzögerung, aber diesen wie auch das sanfte Aufblenden der Spitzen- und Schlusslichter muss man ebenfalls selbst einprogrammieren, natürlich mit CV in dreistelliger Höhe.
Piko hat nun einen relativ günstigen Programmier-Stick angekündigt, der allerdings bei sinnvoller Grund-Konzeption der Decoder wenigstens für Einsteiger entbehrlich wäre.
Die Decoder bieten tatsächlich eine Fülle von aktivierbaren Funktionen, hier eine Auflistung als Screenshot:

Ach ja, nachdem ich mir fast einen Finger verbrannt hatte (es fühlte sich jedenfalls so an) maß ich die Temperatur des Plux16 Decoders: ‚Hi‘ wurde angezeigt, also ‚über messbar‘.
Nach mehreren Versuchen wurden 42,8 Grad angezeigt. ‚Temperatur-Management‘ heißt es in Pikos Videos, nunja. Ob Lokomotiven aus eher günstigeren Materialien sowas auf Dauer aushalten?

Ein zweiter Piko Decoder mit NEM652 Stecker brachte es in einem Triebzug trotz aktivierter Innenbeleuchtung nur auf 31 Grad, was mir in Ordnung erscheint. Ein Händler riet mir dennoch ausdrücklich, diese Decoder nicht weiter einzusetzen.

Fazit: Eigentlich sind Pikos Decoder richtig gut erdacht. Die Fahreigenschaften machen Freude, und die einstellbaren Funktionen erinnern an das berühmte Schweizer Taschenmesser. Aber heutzutage sind Kunden ‚ready to run‘ Produkte gewohnt, für die meisten Loks passt:
Sanftes Ein und Ausschalten der F0, F1 und F2, seitenweises Abschalten der Lichter per Tasten 1 und 2 sowie der Rangiergang auf F4, das ab Werk als Grundeinstellung (und für ‚Profis‘ mit dem Stick änderbar), und die Mehrheit der Kunden wären glücklich über ihre komfortablen Decoder. Und würden es weiter-erzählen. Leider ist es so nicht. Und das lässt diese Decoder weniger ‚cool‘ wirken, als es möglich ist.
Piko erwartet, dass man anstelle zu spielen zunächst die Anleitung ‚durcharbeitet‘. Das kennt man leider schon von Uhlenbrock. Testfrage:
Wer liest gern Anleitungen? Anders gefragt.
Wer liest Anleitungen? Genau.
Warum ist märklin so erfolgreich? Genau.
🚂🙂