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Herpa N – Epoche 4 für 1:160

Typische Gebäude für die frühe Epoche 4 hatte herpa im Programm, und zwar zeitgenössisch bereits in den 70er Jahren. Heute schlummern die Formen dieser schönen Bauten bei Faller.

ex-herpas Bahnhofs-Ensemble 601, dazu passend ein ET403 (Lima N).

Mit Geschmack ist das so eine Sache. Obwohl gerade in der Baugröße N schon immer ‚moderne‘ Züge unterwegs waren und sind, entsprechen die dazu angebotenen Gebäude-Bausätze eher weit zurückliegenden Epochen. Weil die Anbieter der Meinung sind, die Modellbahner wollten das so. Henne und Ei, Sie wissen schon. Zum Glück gab und gibt es Ausnahmen.

Das Stadt-Cafe 605 von herpa. Sehr schick in Szene gesetzt. Das Interieur ist für sehr interessante Licht-Spielereien vorbereitet.

Natürlich sind zum Beispiel Fallers Altbau-Stadthäuser sensationell gemacht; ihr ursprünglicher Hersteller Pola hatte in den 80er Jahren ganze Arbeit geleistet: Pola versorgte damals die N-Bahner mit Gründerzeit-Häusern in feiner Gestaltung, ähnlich wie sie das zeitgleich in 1:87 gestartet hatten. Endlich konnte man den bis dahin Stil-bestimmenden Fachwerk-Häusern entrinnen.

Vollmer bot diesen Stadt-Bahnhof unter der Nummer 7500 an. Die Angabe ‚TT‘ auf älteren Kartons sollte man gnädig nicht mal ignorieren.

Auch von ‚Vollmer‘ gibt es ein vollständiges Stadt-Sortiment, im damals modernen, typischen Bau-Stil der 50er/60er Jahre. Mir gefielen diese Bauten schon immer, nur passen sie nicht unbedingt direkt neben die Pola-Häuser, weil sie im Maßstab zum Teil leicht geschrumpft wurden. Obwohl der Stil-Mix an sich in deutschen Städten so vorkommt, vielleicht sehe ich das auch etwas eng. 🤷🏻‍♂️☺️

Aber vor allem als stilfestes Ensemble sind diese Bausätze wirklich schön anzusehen: Viessmann bietet sie noch heute unter dem Logo ‚Vollmer‘ fast komplett an. Leider fehlt noch immer der kultverdächtige grüne ‚Kachel‘-Stadtbahnhof 7500; den bekommt man aber noch oft via Ebay. Und der ist natürlich einen eigenen Artikel wert.

Häuser nach Vorbildern der 70er bis 90er Jahre sind in N recht selten, dabei wären diese dank vereinheitlichten Baustils in Nord und Süd gleichermaßen gut verkäuflich.

Was für ein spektakuläres Titelbild. 🙀👍🏻👍🏻

Nun fiel mir vor Jahren ein herpa-Katalog aus den 70er Jahren in die Hände. Ich checkte damals die Baugröße N auf ’neueste Neuigkeiten‘, und wie das so sein kann im Leben, das genaue Gegenteil fand mein Interesse: Ende der 60er Jahre (!) hatte Herpa begonnen, für die damals brandneue N-Bahn Gebäude zu entwickeln, die dem zeitgenössischen Stil entsprachen. Herpa war also höchst aktuell „am Puls der Zeit“, wie man so sagte.

Die Bahnhofs-Halle von herpa. Im Hintergrund ein ‚TEE‘.

Augenblicklich faszinierte mich das Foto des Bahnhofs: Im sachlichen Stil der 60er Jahre, hoch aufbauend und mit großen Fensterflächen macht das Gebäude richtig was her.

Dazu drei passende Ergänzungen ‚Post‘, ‚Bahnsteig‘ und ‚Bank‘; zwei Stil-verwandte Stellwerke runden das Ensemble ab. Das gefiel mir über alle Maßen.

Dass man gegen die durchleuchtenden Wände etwas tun muss wurde mir schnell klar.

Die Post von herpa. Mit TEE. Mehr Epoche 3 – 4 geht nicht, oder?

Außerdem entdeckte ich die Reihenhäuser, die seit langer Zeit Fallers Sortiment bereichern, allerdings mit Klinker-Wänden, das ‚Atelier-Haus‘ und auch Alpenländisches…

Nicht zu vergessen, das coole Stadt-Café mit seinem runden Vorbau. Für mein Dafürhalten hatte man bei herpa damals ein goldenes Händchen, …und in relativ kurzer Zeit erwarb ich für angenehm niedrige Preise sämtliche Bausätze dieser Serie und untersuchte sie auf Konzeption und Qualität. Google kann doch ein Freund sein…

Eine Zeichnung aus herpas Anleitung.
so ein schönes, klassisches Konzept.

Dabei stellte sich heraus, dass man in den 60er Jahren konstruktiv wirklich anders getickt hat. Beim Zusammenbau sollte man also mit Bedacht vorgehen. Zum Beispiel müssen Wände oft direkt stumpf aneinander geklebt werden – aus heutiger Gewohnheit erwartet man Anderes.

Faller hatte das Brückenstellwerk von herpa neu aufgelegt. Und leider mit sehr schlichten Modellen dekoriert – und eher trüb eingefärbt, anders, als das Karton-Foto suggeriert.

Ende der 60er Jahre konnte man ein gutes Vorstellungsvermögen voraussetzen, insbesondere, was die Anleitungen betraf, die heutigen Einsteigern eher kryptisch vorkommen dürften.

Prompt unterliefen mir beim Zusammenbau ein paar Fehlerchen, aber das ist nicht weiter schlimm: 1. Man lernt nie aus und 2. hatte ich mir ohnehin jeweils zwei Bausatz-Exemplare an Land gezogen. Ja, mir gefallen diese Bausätze über alle Maßen. Hatte ich erwähnt, oder? Wo war ich… Ach ja:

Schließlich stand der Bahnhof komplett vierteilig auf seinen Plattformen (mit Treppen!) vor mir, und ich war zum ersten Mal seit langer Zeit über ein Modellbahn-Produkt so richtig glücklich, obwohl steinalt (die Bausätze, nicht ich! 😁). Genau so hatte ich mir meinen Modell-Bahnhof immer gewünscht. Nix hier mit ’niedlicher Kleinstadt‘, sondern klare, sachliche Moderne, wie sie zum Beispiel im zügig wieder aufgebauten Ruhrgebiet noch heute üblich ist – und überdies extrem signifikant für die Ära und das Land, in der / dem ich aufgewachsen bin.

Nebengebäude 1: Die ‚Post‘. Das Dach wird später natürlich angeklebt. Fegen schadet nicht. Der Sendemast…
…hat eine sehr sensible Antenne.

Neugierig erkundigte ich mich bei herpa nach etwaigen Vorbildern. Netterweise kam postwendend (…das sagt man heute gar nicht mehr, oder?) die Antwort, nein, konkrete Vorbilder habe es nicht gegeben; man habe sich vom damals aktuellen Baustil inspirieren lassen. 😀

Tja, ich würde mal sagen: Guter Job! Denn auch 50 Jahre später kann man diese Bausätze aus Originalfertigung noch immer richtig klasse finden. Stilistisch erinnert das Hauptgebäude übrigens ein bisschen an den Bahnhof Heidelberg.

Die Empfangs-Halle mit zeitgenössischem VW-Käfer (Wiking).
Vor-Graffiti Zeit. Alles schön sauber. ☺️ Die Fenster mit bräunlichen Rahmen oben-innen ließen sich zu Durchgängen in die beiden Nebengebäude umgestalten…

Nun höre ich von Hersteller-Seite oft zur Frage nach modernen Bauten, auch in Bezug auf die Jetztzeit, „sowas will doch keiner“. Irgendwas passt da nicht zusammen, denn:

Die stets moderne N-Bahn muss großteils an Gebäuden vorbeifahren, die überhaupt nicht mehr zu ihnen passen. Vorbildtreue hört ja nicht bei den Fahrzeugen auf, und unser Land sieht eben nicht mehr aus, wie 1925. Das ließe tiefenpsychologisch tief blicken.

Nebengebäude 2, ehemals auch als Sparkasse erhältlich. Man sieht, dass die Treppen der zusätzlichen Bodenplatten keineswegs einheitlich sind, obwohl alle unter der Nummer ‚612‘ angeboten worden sind. Bei einer Neuauflage könnte man auf Einheitlichkeit achten.

Mir gehen Geschmacks-Diktatoren sowieso auf den Keks. Warum manche Zeitgenossen Anderen ständig vorschreiben wollen, was sie zu mögen und vor allem abzulehnen haben, das erschließt sich mir nicht.


Wieviele N-Bahner kriegen im Handel zu hören „Kaufen Sie sich endlich mal eine ordentliche Modellbahn, H0 oder so!“ Sogar ein Fachzeitschriften-Schreiber äußerte sich wörtlich so zu mir. Kann ja nicht jeder reflektiert sein. Oder auch nur respektvoll.

So sieht die herpa Bahnhofsgrundplatte 612 aus. Klug erdacht.

Derzeit genießt die Epoche 4 bei Modellbahnern eine ungeahnte Popularität. In H0, TT und N erscheinen derzeit sehr viele neue Modelle nach Vorbildern der 70er und 80er Jahre. Da sollte die Umgebung schon dazu passen. Und die 90er Jahre stehen schon in den Startlöchern, von der Jetztzeit mit Zügen in rot und weiß ganz zu schweigen. Orte, an denen Schnellzüge auch wirklich anhalten, sind heute selten mit Fachwerk-Häusern bestückt..

Auch typisch für die Nachkriegszeit: Alles schön sauber gestaltet. Der Krümel-Baum steht natürlich nur für das Foto herum, das wird später nett bepflanzt.

Vielleicht legt Faller diese Herpa Bausätze wieder auf, ausdrücklich als Ensemble gekennzeichnet und in angenehmen Farben (weniger blaugrau) – Gerüchteweise würde ich auch noch eine dritte Garnitur erwerben….

Von Alexander Kath

...jetzt bloggt er auch noch! :-)

Die kleinen Züge sind für mich das Größte überhaupt, und ich spiele mit der Modelleisenbahn, soweit ich mich zurückerinnern kann.

Von Spielzeug-Zügen bis zu filigranen Großserien-Modellen war und ist alles dabei. Ich nehme mir also eine Menge Zeit für Modell(eisen)bahnen.

Die Erfahrungen daraus gebe ich nun an dieser Stelle gerne weiter.

Ich möchte meine Leser dazu inspirieren, ihr Modelleisenbahn-Hobby mit mehr Freude und Gelassenheit zu erleben und dabei eigene Ideen und eine eigene Sichtweise zu entwickeln. Denn nicht die Hersteller bestimmen, wie man ein Hobby auslebt, sondern der Hobbybahner selbst.

Auf den Austausch mit freundlichen Artgenossen, gleich welchen Alters, freue ich mich. Wer Kontakt aufnehmen möchte, kann das gerne per Email tun. Info@mobaz.de Sprachnachrichten auf Cassette oder MiniDisc akzeptiere ich ebenfalls. ;-)

Übrigens, Cookies interessieren mich tatsächlich nur dann, wenn man sie essen kann.

Alexander Kath