Herpa N – ein Bahnhof der Epoche 4 für 1:160

Bereits in den 70er Jahren hatte Herpa Gebäude im Sortiment, die stilistisch prima in die Epochen 3 und 4 passten – und sofern dem Abriss-Wahn entkommen – auch noch in aktuelleren Epochen stehen dürfen. Heute schlummern die Formen dieser schönen Bauten bei Faller.

Mit Geschmack ist das so eine Sache. Obwohl gerade in der Baugröße N schon immer ‚moderne‘ Züge unterwegs waren, entsprechen die dazu angebotenen Gebäude-Bausätze eher weit zurückliegenden Epochen. Die Anbieter sind nämlich der Meinung, die Modellbahner wollten das so. Zum Glück gab und gibt es Ausnahmen, gerade die N Bahner haben Glück.

Das Stadt-Cafe 605 von herpa. Das Interieur ist für interessante Licht-Spielereien vorbereitet.

Natürlich gefallen mir Fallers Altbau-Stadthäuser; ihr ursprünglicher Hersteller Pola hatte in den 80er Jahren ganze Arbeit geleistet: Endlich gab es klassische Gründerzeit-Häuser, fein gestaltet und reich an Varianten. Bis dato hatte es fast nur Fachwerkhäuser gegeben; über die Gründe lasse ich mich mal nicht aus an dieser Stelle. Aber: Niedlichhausen war noch nie mein Ding.

Von Vollmer gab es diesen Stadt-Bahnhof mit der Artikelnummer 7500. Die Farbe könnte natürlich angenehmer sein, aber vor 50 Jahren tickte die Welt eben anders.

Neben Pola bot auch Vollmer ein vollständiges Stadt-Sortiment an, allerdings wirklich ‚modern‘, im typischen Bau-Stil der 50er/60er Jahre. Mir haben diese Bauten schon immer gefallen, denn unser Land sieht eben großteils genau so aus, und nur Geschmacks-Nazis finden alles grässlich, was nicht nach 16. Jahrhundert aussieht.

Allerdings, und das ist ein bisschen blöd, hatte Vollmer diese Stadthäuser leicht zusammengestaucht, wie man das eben aus H0 so gewohnt war. Ist niemandem aufgefallen, dass die Spur N viel kleiner ist…? Wer nun mit Vollmer- und Pola Gebäuden den realen Stil-Mix der hiesigen Bebauung nachstellen möchte braucht eine gewisse Lässigkeit. Aber auch die kann man sich beibringen.

Als eigenes, stilfestes Ensemble sind diese Bausätze wirklich schön anzusehen, und Viessmann bietet sie noch heute unter dem Logo ‚Vollmer‘ fast komplett an.

Nur ausgerechnet der kultverdächtige ‚Kachel‘-Stadtbahnhof 7500 fehlt dabei; die gute Nachricht: auf Ebay ist der Bausatz hin und wieder erhältlich.

Ein damaliger Vollmer Mitarbeiter erwiderte meine Frage nach diesem Gebäude „wer will sich denn SOWAS hinstellen?!“ Ja, ich; und ich lasse mir nicht suggerieren, was ich zu mögen habe, Herrschaftszeiten!

Auch Kibri hatte einen Schwung moderner Gebäude im Sortiment, auch diese sind auch heute noch fast alle im Sortiment von Viessmann erhältlich. Ihr Größenkonzept passt gut zu anderen Herstellern, egal ob Bahnhöfe oder Stadthäuser.

Nur Kibris Bahnhof ‚Kehl‘ stellt in N eine Besonderheit dar: Ohne nachzumessen wirk er neben den N-Zügen wirklich riesig. Es könnte also sein, dass er maßstäblich umgesetzt worden ist.

Kurz, die N Bahner haben im Gegensatz zu den Hanullern eine echte Auswahl an ‚Stadt-Häusern‘ im modernen Stil.

Und dann fiel mir vor Jahren ein alter herpa-Katalog in die Hände.

Was für ein spektakuläres Titelbild. 🙀👍🏻

Ich checkte damals die Baugröße N auf Neuigkeiten, online und auf Papier, und dabei spielte mir das Leben einen hübschen Streich. Denn das genaue Gegenteil fand plötzlich mein Interesse:

Die Firma Herpa hatte bereits Ende der 60er Jahre (!) begonnen, für die damals brandneue N-Bahn Gebäude zu entwickeln. Im danals zeitgenössischen Baustil. Herpa war also tatsächlich „am Puls der Zeit“, wie man so schön sagte.

Die Bahnhofs-Halle von herpa. Im Hintergrund ein ‚TEE‘, vorn ein blauer Volkswagen.

Augenblicklich war ich vom Titel-Foto fasziniert: Ein Stadt-Bahnhof, nachts spektakulär beleuchtet beleuchtet, im sachlichen Stil der 60er Jahre. Hoch aufbauend und mit großen Fensterflächen macht das Gebäude richtig was her. Den musste ich haben!

Dazu gab es drei passende Ergänzungen ‚Post‘, ‚Bahnsteig‘, ‚Café‘ und ‚Bank‘. Außerdem zwei Stil-verwandte Stellwerke und zwei Lokschuppen, rechteckig oder als Ringlokschuppen, ein imposantes Ensemble. Das alles gefiel mir über alle Maßen.

Die Post von herpa. Mit TEE. Mehr Epoche 3 – 4 geht nicht, oder?

Weiter hinten präsentierte der Katalog Reihenhäuser, die ich seit langer Zeit aus Fallers Sortiment kenne, hier allerdings in Klinker-Optik.

Meinem Geschmack nach hatte man bei herpa damals ein goldenes Händchen, also nutzte ich Google, um mir binnen kürzester Zeit sämtliche Bausätze dieser Serie zusammenzufinden.

Eine Zeichnung aus herpas Anleitung.
so ein schönes, klassisches Konzept.

Konzeption und Qualität zeigten eine andere Denke, als heute. Beim Zusammenbau sollte man also mit Bedacht vorgehen und nicht davon ausgehen, alles zu wissen: Wände muss man oft direkt stumpf gegeneinander kleben, heute erwartet man Fugen oder wenigstens Führungen.

Faller hatte das Brückenstellwerk von herpa neu aufgelegt. Leider wurden die Bauteile nur in Grautönen geliefert, anders, als die Abbildung suggeriert.

Ende der 60er Jahre konnte man ein gutes Vorstellungsvermögen voraussetzen, insbesondere, was die Anleitungen betraf, die heutigen Einsteigern vielleicht etwas kryptisch vorkommen dürften.

Prompt unterliefen mir beim Zusammenbau ein paar Fehlerchen, aber das war nicht weiter schlimm: 1. Man lernt nie aus. 2. Ich hatte ich mir ohnehin jeweils zwei Bausatz-Exemplare an Land gezogen.

herpas Bahnhofs-Ensemble 601, dazu passend ein zeitgenössischer Schnelltriebzug. 🧡

Als der Bahnhof endlich komplett vierteilig auf seinen Plattformen (mit Treppen!) vor mir stand war ich zum ersten Mal seit langer Zeit über ein Modellbahn-Produkt so richtig glücklich. 🥰

Genau so hatte ich mir meinen Modell-Bahnhof immer gewünscht. Nix hier mit ’niedlich‘, sondern klare, sachliche Moderne, wie sie zum Beispiel im Ruhrgebiet noch heute üblich ist. Der Baustil ist überdies signifikant für die Ära und das Land, in der / dem ich aufgewachsen bin. Sowas prägt.

Nebengebäude 1: Die ‚Post‘. Das Dach wird später natürlich angeklebt. Der Sendemast…
…hat eine seeehr sensible Antenne.

Neugierig erkundigte ich mich bei herpa nach etwaigen Vorbildern. Netterweise kam postwendend (…das sagt man heute gar nicht mehr, oder?) die Antwort, nein, konkrete Vorbilder habe es nicht gegeben; man habe sich vom damals aktuellen Baustil inspirieren lassen. 😀

Tja, ich würde mal sagen: Guter Job! Denn auch 50 Jahre später kann man diese Bausätze aus Originalfertigung noch immer richtig klasse finden. Stilistisch erinnert das Hauptgebäude übrigens an den Bahnhof Heidelberg.

https://upload.wikimedia.org/wikipedia/commons/a/ae/Heidelberg_HBF_006c.jpg

Die Empfangs-Halle mit zeitgenössischem VW-Käfer (Wiking).
Vor-Graffiti Zeit. Alles schön sauber. ☺️

Nun höre ich von Hersteller-Seite oft zur Frage nach modernen Bauten, auch in Bezug auf die Jetztzeit, „sowas will doch keiner“. Irgendwas passt da nicht zusammen, denn:

Vorbildtreue hört ja nicht bei den Fahrzeugen auf, und unser Land sieht eben nicht mehr aus, wie 1925. Die stets moderne N-Bahn muss großteils an Gebäuden vorbeifahren, die überhaupt nicht mehr zu ihnen passen.

Nebengebäude 2, auch als Sparkasse erhältlich. Man sieht, dass es zwei unterschiedliche Typen der Bodenplatten mit Treppen gibt, obwohl alle unter der Nummer ‚612‘ angeboten worden sind. Bei einer Neuauflage könnte man auf Einheitlichkeit achten.

Mir gehen Geschmacks-Diktatoren sowieso auf den Keks. Warum manche Zeitgenossen Anderen ständig vorschreiben wollen, was sie zu mögen und vor allem abzulehnen haben, das erschließt sich mir nicht.

Wieviele N-Bahner kriegen andauernd im Fach-Handel zu hören „Kaufen Sie sich lieber mal eine ordentliche Modellbahn, H0 oder so!“ Sogar ein Fachzeitschriften-Schreiber äußerte sich wörtlich so zu mir. Kann ja nicht jeder reflektiert sein. Oder auch nur respektvoll.

So sieht die herpa Bahnhofsgrundplatte 612 aus. Klug erdacht.

Derzeit genießt die Epoche 4 bei Modellbahnern eine ungeahnte Popularität, es erscheinen unerwartet viele neue Modellbahn-Fahrzeuge nach Vorbildern der 70er und 80er Jahre. Da sollte die Umgebung schon dazu passen. Und auch die 90er Jahre stehen in den Startlöchern, was die Präferenz betrifft, von der Jetztzeit mit Zügen in rot und weiß ganz zu schweigen. Orte, an denen Schnellzüge auch wirklich anhalten, sind heute selten mit Fachwerk-Häusern bestückt..

Auch typisch für die Nachkriegszeit: Alles schön sauber gestaltet. Der Krümel-Baum steht da natürlich nur für den Schnappschuss herum, das wird später nett bepflanzt.

Vielleicht legt Faller diese Herpa Bausätze wieder auf, ausdrücklich als Ensemble gekennzeichnet und in angenehmen Farben (weniger blaugrau) – Ich würde auch noch eine dritte Garnitur erwerben…. 🚂

…to be continued… 🙂🚂