Märklins angeknackster Zauberstab

märklin-Digital ist eine große Nummer. Seit 1984. Zwischenzeitlich von Esu versorgt, führt märklin längst alles wieder in einer Regie. Man möchte meinen: Leider.

So sieht das aus, mit verkehrt aufgedrucktem Logo und aufgestecktem Decoder, der sich nicht programmieren lässt.

Auch bei märklin-Digital, ob nun mit oder ohne Mittelleiter verwendet, kommt schnell der Wunsch auf, die Decoder nach eigenem Gusto einzustellen und ein paar Gimmicks einzustellen.

Märklin offeriert dafür einen relativ günstigen Programmer in Form eines zweiteiligen USB-Sticks. Die Software bietet märklin gratis zum Download an; das wirkt erstmal alles sehr professionell. Bis man mit märklins Denke zusammenprallt.

Das ist nämlich das eigentliche Problem von Software: Sie offenbart ungeschönt das Denken und die Mentalität ihrer Entscheider und Entwickler.

In märklins Fall hat man es hier mit vielen Verboten, Grenzen und Kompliziertheiten zu tun.

Lieferumfang. Plus marginal-Anleitung.

Software – neue Software.

Also, ich installiere die Software und erfahre danach via PopUp, dass es eine neue Version gibt. Okay, die lade ich ebenfalls runter und warte. Nichts passiert.

Denn nein, die installiert sich nicht eigenständig, das soll ich selber anschubsen. Aber wie, denn wo ist sie hin?

Schließlich finde ich die Datei, irgendwo auf dem PC, in irgendeinem Ordner, von dessen Existenz ich bis dahin nichts wusste. Leicht grummelig deswegen installiere ich das Zeug. So jetzt aber. Schaut nett aus, kein weiteres PopUp. …bisschen viel Aufwand, um einen sanften Lichtwechsel einzustellen.

Hier genau hinschauen.

USB-Stick und Schnittstellen-Aufnahme sitzen sehr locker aneinander, denkt man so. Irgendwann entdecke ich eine winzige Abstufung. Mit sanfter Gewalt eingepresst klickt es leise, und die Teile sind fest verbunden. Alles sehr … subtil.

Programmieren mit dem Programmer verboten.

Decoder aus der MHI-247 in den Schnittstellen-Abschnitt eingesetzt, den in den USB-Stick, und auslesen… Ah, wie schön, ein neues PopUp:

kein Nachrüstdecoder“. Ja, ich WEISS, Schätzchen!

Ja, stimmt. Ist ja aus der gekauften Lok, ne? Dasselbe verzählt mir das Programm beim Decoder der recht aktuellen BR 120. „kein Nachrüstdecoder“. Keine weitere Erklärung. Ich schaue auf Amazon nach einem Box-Sack.

Erst via Google erfahre ich, dass Decoder aus märklin-Loks, die ab Werk mit Decoder kommen (ähm, also inzwischen alle) nicht mit diesem Programmer programmiert werden können. An sich schon mal wenig Kunden-nah. Aber:

Anstelle genau! diese! Info! in das verflixte PopUp reinzuschreiben, steht da… Sie wissen schon.

Märklin nannte mir am Telefon „rechtliche Gründe“ als Ursache für diese Sperre, damit Kunden ihre Loks nicht (ausdrücklich kein O-Ton aber sinngemäß) ‚kapputtprogrammieren‘.

Allerdings kann man die genannten Decoder laut Service sehr wohl per CS3 individuell programmieren oder alternativ per CV Programmierung zum Beispiel mit meinem ProfiBoss von Fleischmann (!) wie gewünscht verändern. Mit Letzterem aber nicht fest einschreiben, wie mit dem märklin-Programmer theoretisch möglich.

Also, Märklin macht es mal wieder unnötig kompliziert. Es wird aber noch besser.

CV-Empfehlungen bleiben märklins Geheimnis.

Fragt man beim märklin Service nach, welcher CV Einstellungen ein märklin-Decoder aktueller oder vorheriger Bauart bedarf, um einem (seltsam hüpfenden) märklin-StartUp ICE2 zu optimalen Fahreigenschaften zu verhelfen, heißt es wörtlich „…gibt es keine Tabellen für die Einstellungen der verschiedensten Modelle. Dies muss ein Umrüster sich selbst erarbeiten.“ Wie bitte?

Der Zug ist tausendfach verkauft worden, aber märklin gibt die optimalen CV Werte nicht preis? Und sorry, „erarbeiten“ werde ich mir gar nichts.

Andere Decoder-Hersteller geben klare Empfehlungen, was wie zu programmieren ist, damit die Lokomotiven optimal fahren. Und märklin orientiert sich an Helmut Kohl „i sag’s net!'“? Das ist ablehnend bis autoritär. Es geht aber noch weiter.

DOS-Niveau mit Windows-Optik.

Für eine decoderfreie Lok kaufte ich einen märklin-mld3 Decoder; wenigstens der sollte sich ja einfach programmieren lassen, ne? Ziel:

F0: Licht an, weiß / rot, mit der Fartrichtung wechselnd, sanfter Lichtwechsel.

F1: Alle Lichter auf Lokseite 1 aus.

F2: Alle Lichter auf Lokseite 2 aus.

F3: Digital schaltbare Kupplungen

F4: Verzögerungen aus, rote lichter aus, weiße Lichter beidseitig an.

Klingt praxisnah, oder? Ließe sich als Projekt abspeichern und in so ziemlich sämtliche soundfreien Bundesbahn-Loks einprogrammieren, sozusagen hineinstempeln. Soweit die Theorie.

Denn diese Software ist so kryptisch konzeptioniert, dass man keine Chance hat, zu verstehen, wie sich das konkrete und keinesfalls sonderlich ambitionierte Ziel erreichen lässt. Anstelle klarer Ansagen findet man eine Fach-Terminologie vor. Für ein solches Produkt einer derart bekannten und beliebten Firma ist das inakzeptabel.

Den sanften Lichtwechsel und die Motor-Einstellungen habe ich hingekriegt. Aber dann… 🤬 …ich überlege, ob anstelle des Box-Sackes ein Trampolin mehr Effekt hätte?

Natürlich beschied mich der märklin-Service auf eine Anfrage abschlägig, „keinesfalls“ erstelle man individuelle Decoderprojekte.

Eine Anfrage in einem märklin Fan-Forum brachte keinerlei Erkenntnissse – außer, dass bereits eine Vielzahl an Modellbahnern an dieser Software gescheitert ist. Das ist also ein sehr, sehr schlechtes Produkt!

Was mich daran so aufregt, das ist die Attitude, mit der sowas auf die Kunden losgelassen wird: märklin erwartet in 2021, dass der Kunde sich in die Materie „einarbeitet“. Dabei besitzen die Menschen, die so etwas entscheiden, allesamt sicher Smartphones und wissen sehr genau, was intuitive Bedienen bedeutet: Das Gegenteil von märklins Decoder Tool.

Nach vielen, vielen frustrierenden Versuchen habe ich das Projekt erstmal abgebrochen.

Der letzte Versuch. 🙂

Ich sollte eine Lok mit einem märklin mld3 Decoder umbauen. Großspurig gab ich an, das Ding „narrensicher“ mit den neuen Werten ’stempeln‘ zu können – ich habe ja den Programmer. Und beäuge online eine Schachtel Valium, ist weniger Aufwand.

Mir war bekannt, dass man in die seitliche Schraubenleiste der Schnittstellenplatine viele viele Kabel einbringen muss, um den Decoder zu programmieren. Aber irgendwozu muss ja diese achtpolige Steckdose ja gut sein. Also, Kabel sinnig gekürzt, die nicht gebrauchten zusammen in einem Schrumpfschlauch gebändigt, und ab mit dem Decoderstecker in die Platine. …Sie können es sich denken, oder? Genau. Nüscht.

Decoder antwortet nicht“.

Also denke ich mir, ‚gut, der Decoder hat ja seine Buchsenleiste drauf, also einfach das Schutzgummi wegschneiden und den Decoder mit seiner 21poligen Schnittstelle in die Platine stecken. Was man eben so denkt. Was ich aber dann sah, fand ich optisch schon etwas eklig:

Von oben so…
…von unten so: Die Litzen wurden in den Buchsen der 21poligen Schnittstelle hineingelötet.

märklin hat die Kabel IN die Buchsen hineingelötet, Bah. Unelegant und irgendwie 50er Jahre Niveau.

Zum Programmieren muss man die Litzen VOR dem Einbau hier einschrauben. Ergebnisse mal eben in der Lok ausprobieren iss nich.

Fazit: Der Programmer von märklin ist nett günstig, aber er darf zuwenig, und er bringt eine kryptische, geheimnisvolle Software mit. Liebhaber von Textaufgaben dürften ihre Freude daran haben.

Man hält den Kunden womöglich absichtlich unfrei, um entweder mehr Geld zu verdienen (Kauf der CS3) oder um sich vor angeblichen Service-Fällen zu schützen. Man hat viel Angst bei märklin.

Den Kunden doof zu halten, das war sogar Apple langfristig zu doof, und mit der MP3-Fähigkeit wurde der IPod erfolgreich. Man kann daraus lernen. Ob märklins Denke jemals wirklich in 2021 ankommt?

Autor: info@mobaz.de

...jetzt bloggt er auch noch! :-) Die kleinen Züge sind für mich das Größte überhaupt, und ich spiele mit der Modelleisenbahn, soweit ich mich zurückerinnern kann. Von Spielzeug-Zügen bis zu filigranen Großserien-Modellen war und ist alles dabei. Ich nehme mir also eine Menge Zeit für Modell(eisen)bahnen. Die Erfahrungen daraus gebe ich nun an dieser Stelle gerne weiter. Ich möchte meine Leser dazu inspirieren, ihr Modelleisenbahn-Hobby mit mehr Freude und Gelassenheit zu erleben und dabei eigene Ideen und eine eigene Sichtweise zu entwickeln. Denn nicht die Hersteller bestimmen, wie man ein Hobby auslebt, sondern der Hobbybahner selbst. Auf den Austausch mit freundlichen Artgenossen, gleich welchen Alters, freue ich mich. Wer Kontakt aufnehmen möchte, kann das gerne per Email tun. Info@mobaz.de Sprachnachrichten auf Cassette oder MiniDisc akzeptiere ich ebenfalls. ;-) Übrigens, Cookies interessieren mich tatsächlich nur dann, wenn man sie essen kann. Alexander Kath