Rocos grausames Grau – und das Problem dahinter.

Während sich andere Modellbahnhersteller bemühen, ihre Produkte möglichst attraktiv zu gestalten, setzt die Firma, die ich kurz ‚Roco‘ nenne, nach Möglichkeit überall ein blaues Grau ein. Dahinter steckt eine fragwürdige Denkstruktur.

Aufgefallen ist mir das schon 1989, als es bei Roco diesen Farb-Putsch gab, um die Bettung des nahenden Bettungsgleises nicht im angenehmen und vorbildgerechten Braun zu färben, sondern in einem bläulichen Grau-Ton. Ich war damals 17 Jahre alt und wirklich geschockt über diese bekloppte Entscheidung. Tatsächlich färbte Roco über lange Zeit alles (un-) Mögliche in diesem Blaugrau ein, egal, ob die Farbe zu den jeweiligen Vorbildern passte oder nicht.

Oben das RocoLine Seriengleis in grau, unten eins der ersten Muster mit brauner Bettung.

…grau, grau, grau.

So erhielten Rocos Eilzugwagen in den Auflagen der 80er Jahre nicht nur grauen Rahmen, sondern auch Drehgestelle, Dachlüfter und Faltenbälge wurden derart falsch eingefärbt. So viel zum Mantra, Roco verwende „immer nur die originalen Farbtöne“. Mitnichten. Spätere Auflagen der Waggons besaßen die angesprochenen Teile übrigens in schwarz. Potz Blitz!

Graue Bettungen, graue Drehgestelle, ein grauer Rahmen, graue Lampen, graue Faltenbälge – sogar der Prellbock ist blaugrau! Roco war da schon konsequent.

Auch die Serie der Popwagen erhielt blaugraue Drehgestelle und Fahrzeug-Rahmen. LSmodels, Märklin und auch Piko färben diese Bereiche schwarz. Woran das wohl liegen mag. Eine komplette Neu-Auflage, dieses Mal mit Speisewagen, wäre sicher ein Erfolg.

Auch an diesem Roco-Waggon sind Rahmen und Drehgestelle falsch blaugrau. Genau passend zu Rocos ähnlich falsch gefärbten Drehgestellen der stahlbauen 181.2.

Sogar die Kupplungen färbt Roco seit etwa 1990 blaugrau, obwohl gerade diese Bauteile durch eine schwarze Färbung diskreter aussähen, wie das Foto beweist: Märklin, Fleischmann und sogar Liliput färben ihre Kupplungen schwarz – Roco alle grau. Alle. Drei.

Lustig ist das Argument, das man von Roco dazu hört: Der graue Kunststoff gleite besser übereinander, als der schwarze. Offenbar ein chemischer Geheimtipp, dessen Brisanz sich dem Rest der Branche entzieht. Zum Glück.

Oben drei graue Kupplungen von Roco, unten Pendants von Liliput, Fleischmann und märklin.

Hinter diesem Blau-Grau offenbart sich unfreiwillig eine ängstliche Denke, die das Programm der Marke Roco seit Ende der 80er Jahre durchzieht. Die tote Farbe ist nur eine Signifikanz dafür.

Denn Grau lässt einen kalt. Es erzeugt keine Emotionen. Roco bevorzugt den Weg des geringsten Widerstandes: Anstelle klarer Ansagen tarnt man sich im Ungefähren, damit möglichst niemand sich an irgendetwas Auffälligem stören könne. Sensible Naturen vermissen dagegen das Mögliche. Was Andere bieten. Das ist eins der signifikanten Probleme der Marke Roco.

Was ist eigentlich ‚Roco H0‘?

Anstelle sich zu einer ausdrucksstarken Konzeption des Produktes ‚Roco H0‘ zu bekennen, bietet man einen chaotischen Gemischtwaren-Laden an mit vier Kupplungen, ehemals sechs Gleissystemen, diversen Schnittstellen und drei Wagenlängen. Dass so etwas bei Kunden zu Verdruss führt, dürfte sich jedem klar Denkenden erschließen. Denn man braucht nicht für den Hersteller mitzudenken, das erledigt dieser schön selbst.

Modellbahnen kauft man zumeist über Jahrzehnte; das Hobby baut sich langsam auf, und es ist nicht nur Luxus oder Lifestyle. Die meisten Modellbahner identifizieren sich mit der Marke oder wenigstens der Ausrichtung der eigenen Sammlung – so, wie es eben einen Unterschied macht, ob man BMW oder Mercedes fährt.

Bei Roco aber hegt man offenbar die Befürchtung, durch ein klares Programm Kunden zu verprellen. Gerade diese ängstliche Konzeptlosigkeit vergrätzt nicht nur Neu- sondern auch langjährige Stamm-Kunden. Bei einem Sammelhobby möchte man wissen, woran man ist.

Alle Plastikteile der Steuerung dieser Roco-Dampflok sind blaugrau gefärbt. Völlig unpassend.

Wie oft haben wir in der Vergangenheit über eine immer wieder neue Ausrichtung von ‚Roco H0‘ gelesen, die jedesmal nach kurzer Zeit in Vergessenheit gebracht wurde. Sogar die eigentlich sehr sinnige Unterteilung in Playtime, Professional und Platin wurde nicht nur wenig nachvollziehbar umgesetzt, man gab sie auch nach kürzester Zeit wieder auf. Hü und hott.

Von der „Nachwuchs-Förderung“ durch den Unsinn „Next Generation“ ganz zu schweigen: Da war ich der Einzige, der diesem Quatsch einen 100%igen Mega-Flop vorhergesagt hat. Und wirklich jeder Gesprächspartner schulmeisterte mich, -ich sei zu engstirnig, -man müsse was für Kinder blah, -das Konzept sei toll, – und ich hätte eben keine Ahnung von Kindern und -sei vielleicht zu alt… Kurz gesagt, nach 18 Monaten war der unselige Spuk vorbei. Und Roco hatte keine „Nachwuchs-Förderung“ mehr. Man könnte sagen: Wie immer.

Immerhin fuhren die Lok von „Next Generation“ aus der Packung heraus mit DCC-digital, was Roco übrigens fortwährend vergaß, den Kunden mitzuteilen.

Auch Erwachsene würden sich über Loks mit Decodern freuen, denn auch das Prinzip der Schnittstelle ist ein Indiz dafür, dass man sich bei Roco seit über 25 Jahren nicht traut, dem Kunden fertige Produkte anzubieten: Der Kunde möge bittschön selber Hand anlegen und den „Decoder seiner Wahl“ einsetzen.

In Wahrheit birgt dies ein hohes Frustrations-Potenzial. Ich habe gestandene und wirklich nette Mannsbilder gesehen, die verzweifelt versucht haben, Griffstangen in ihre neuen Roco Loks einzusetzen. Was passiert wohl, wenn man solchen angehenden Modellbahnern zumutet, ein Gehäuse abzuklippsen, einen Decoder einzustecken – UND zu programmieren…? Klar, warum märklin das cooleres Image besitzt. Damit kommt jeder zurecht.

Und wer jetzt arrogant einwirft, solche Zeitgenossen seien eben nicht das richtige Publikum für Roco H0, der darf sich stolz zu den potenziellen Totengräbern von ‚Roco‘ zählen. Im Laden stellen sich die Dinge nämlich anders dar, als im Forum. Oder im Verein. Und im Laden wird das Geld verdient. Weder im Forum, noch im Verein.

Oben die veraltete 8polige Schnittstelle, unten die aktuelle mit 22 Kontakten.

Denn was schon 1995 fummelig war (und dem Fachhandel unnötige Arbeit bescherte!), das ist in 2020 ein muffiger Anachronismus. Heute erwartet man Produkte, die aus der Schachtel heraus funktionieren. märklin-Loks sind stabil, man nimmt sie aus der Schachtel, sie melden sich an der Zentrale an, und dann kann man digital Modellbahn spielen. So muss das in 2020 sein, und, peinlich für Roco, märklin-Loks können das seit 1984 (okay, Anmelden durch mfx seit 2005).

Mit Zimo hat Roco einen Decoder-Hersteller, dessen Decoder selbst in der €20.- Version auch analog wunderbar funktionieren. Mehr dazu hier:

Loks mit Decoderplatinen drin, gut abgestimmt und ready to run – bei märklin gibt es das. Bei Roco (und Piko) für DCC nur mit Sound. Bis heute versteckt sich Roco hinter dem Argument „der Markt verlangt analoge Loks“. Von wegen: Eine simple Steuerung ähnlich märklins 6021 oder Rocos Lokmaus1 und Loks zu normalen Preisen, plus klare Anleitungen, wie sich ältere Loks umbauen lassen, das wäre es schon.

Es fehlt eine klare Ausrichtung bei Roco. Natürlich baut die Marke schöne Modellbahnen. Und deren Fundus bietet sogar unzählige, nett gemachte Waggons in 1:100, über die sich viele Platz-beengte Modellbahner freuen würden.

Aber solange man bei Roco keine Idee hat, womit man sich eigentlich am ‚Markt‘ platzieren möchte, solange muss man eben mit dem österreichischen Chaos leben lernen. Oder resignieren und Schlüsse ziehen, jeder nach seiner Fasson. Kein Wunder, dass Rocos Kupplungen und die Line-Bettung noch immer grau sind… 🙂

Messe-Neuheiten 2020, ein paar Kommentare.

Die Spielwarenmesse 2020 hat für die Modellbahn keine Knaller-Neuheit gebracht. Das Meiste ist nur eine logische Fortsetzung des Vorhandenen. Es macht sich eine Tendenz zum Hochpreisigen bemerkbar, die ich vorerst umkommentiert lasse. Es folgen ein paar Bemerkungen zu Neuheiten, die mir aufgefallen sind. Dabei beziehe ich mich ausschließlich auf die Baugröße H0.

Meine absolute Lieblings-Neuheit ist der H0-Bausatz von Faller für ein modernes Büro-Gebäude, variabel zu gestalten:

(c) Faller Versicherungsgebäude H0 130891

https://www.faller.de/de/de/Produkte/Neuheiten-2020/H0-Programm/Handel-Gewerbe-Industrie/pid.14.17.1148/agid.2272.2278/atid.28410/ecm.at/Versicherungsgeb%C3%A4ude.html

Dicht gefolgt von den ‚gleichgeschlechtlichen Paaren‘ der Marke NOCH.

(c) NOCH 15511, na endlich: Nette Schwule und Lesben. ?️‍?

https://www.noch.de/de/noch-modell-landschaftsbau-neuheiten/noch-neuheiten-2020/gleichgeschlechtliche-paare-15511.html

Beide Produkte sind eigentlich seit fünfzehn Jahren überfällig; endlich sind sie da. Und es sind Faller und NOCH, die in der Jetztzeit angekommen sind. Und die Anderen so?

Kurz gesagt, märklin macht ‚Dienst nach Vorschrift‘ und bedient seine Kunden, die offenkundig begierig die höchstmöglichen Preise zahlen wollen: Der BIGBOY, Grundkonstruktion 19 Jahre alt, kostet 970.- Liste? Achso.

Bei der Marke Roco hat man dafür ganz offensichtlich keinen Plan: „Nie wieder verkürzte Waggons“ verlautbarte es vor Kurzem aus Österreich, und prompt kommen dieses Jahr Waggons in 1:100, noch dazu für die SBB vorbild-frei. Die neue Bogenweiche soll vielleicht Ende dieses Jahres (2020) erscheinen. IC2? BR612? Andere Eierköpfe? Ein maßstäblicher ICE1? Nix da.

Den maßstäblichen ICE1 avisiert dieses Jahr Hornby unter dem Label ‚Lima Expert‘ mit einer Längen-Angabe, die dem in 1:100 von märklin gleicht. Deswegen dreimal (!) bei Hornby angefragt, kam schließlich eine völlig nichtssagende blahblah-Antwort. Aus dem Stummiforum schließlich floss die Info, der ICE1 komme entgegen der Angabe sehr wohl komplett maßstäblich. Worst consumer experience ever, dear. https://www.hornby.com/uk-en/lima-expert-h0-1-87-db-4-unit-set-emu-class-401-ice-1-contains-2-powerheads-and-2-intermediate-coaches-period-iv-v.html

Nachtrag: Nur zwölf Stunden nach Veröffentlichung dieses Textes traf ganz zufällig eine Email von Hornby ein zum Thema ICE1 mit dem Wortlaut „Lima ICE1: Totally new tooling and first 100% H0 scale model of this train (competitors made it shorter). 2020 packs include a 2nd class and 1st class service car. Standard 1st class and restaurant carriages will be made 2021 to complete the train to correct length.“ Na also, warum denn nicht gleich so. Und die ‚Adler‘ kam ja auch aus UK. ?????

Irgendwie originell ist, wieviel Mühe man sich bei Roco gibt, die wirklich typische Variante einer blauen Kasten-110 nach Vorbild der 80er Jahre zu vermeiden: Mit blauem Dach, Klatte-Lüftern und Doppellampen. Inzwischen gab es wirklich alle anderen möglichen Kombinationen – bis eben auf die genannte Version. (Vom nicht vergleichbaren Modell in sogenannter ‚ClassiC‘-Qualität mal abgesehen.) Dieses Jahr bringt Roco eine blaue 110 mit blauen Dach und eben Klatte-Lüftern – aber Einfach-Lampen. Zu lustig. Nicht. Sicher werden in diesen Lampen wieder nicht die kleinen roten Schlusslichter sein, wie noch um 2008… https://www.roco.cc/de/product/242515-110-0-0-0-0-0-002-1/products.html Piko, übernehmen Sie!

Piko ist ohnehin unübersehbar im Attacke-Modus: Natürlich zielt die Dampflok der BR 78 zugleich auf Roco (Fleischmann-Modell, neu aufgelegt) und märklin (Jahres-Neuheit). https://www.piko-shop.de/index.php?vw_type=artikel&vw_id=30469&vw_name=detail Die schrullige E-Lok der alten BR 191 dürfte ebenfalls gegen Roco gerichtet sein, später dürfte Piko dann die E60 nachreichen. Wirklich ein Zirkuspferd ist die E-Lok der BR S 499 der CSD https://www.piko-shop.de/index.php?vw_type=artikel&vw_id=30439&vw_name=detail, die mit ihren speziellen Formen und Farben sicher jeden Bauhaus-Fanatiker in den Wahnsinn treiben und dennoch auch den Mich(a)el erfreuen dürfte…

Bei der Produkt-Range von Viessmann, Kibri und Vollmer vermisse ich irgendwie die gute Laune; die Produkte wirken alle so gelangweilt zusammengestellt. Ebenso bei der Firma Lenz, deren Decoder fraglos das, was sie können sollen, sehr gut erledigen. Was aber im Vergleich zur Konkurrenz nur noch Basics sind. Ich persönlich finde ja, dass Handregler, die im Jahr 2020 weder Loknamen noch Funktions-Icons anzeigen können, nicht minimalistisch sind, sondern die Grammophone der Digitaltechnik. https://www.lenz-elektronik.de/digitalplus-handregler-lh101.php

Bei märklin macht mir das Einsteiger-Programm mehr Spaß, als der ernste Rest. Der Halloween-Zug ist schon mal direkt geordert. Dazu passend gibt es übrigens online in verschiedenen Shops die Villa der ‚Munsters‘ in 1:87, Das war eine alte, reichlich bekloppte Fernseh-Gruselserie. https://www.maerklin.de/de/suche/?q=halloween Auch der MyWorld Kran auf Rädern ist toll, und die Emma, wie alles von Michael Ende. https://www.maerklin.de/de/produkte/details/article/29199.

Aber sonst? In Summe baut märklin seit Mitte der Nullerjahre das gesamte H0-Sortiment neu und lässt dabei fast alles hinter sich, was früher charakteristisch für „märklin H0“ gewesen ist. Fast könnte man meinen, bei märklin gebe es Bestrebungen, die typische märklin-Bahn dem internationalen DC-Standard zu opfern, nur mehr der umständliche Mittelleiter ist noch übrig, in seinem Ursprung ein Relikt aus den grausamen 30er Jahre des letzten Jahrhunderts. Ausgerechnet daran hält man fest? Diese Logik denke ich lieber nicht zuende.

Wirklich gelungen finde ich Hornbys Idee, Fahrzeuge nach ‚Steampunk‚ Ästhetik zu produzieren. Dazu passend bietet NOCH Landschafts-Segmente an unter dem Namen ‚ZITERDES‘.

(c) Hornby Steampunk Dampflok für normale H0 DC Gleise
(c) Hornby Steampunk Personenwagen für normale H0 DC Gleise

Wer Züge durch eine eigene Fantasie-Welt fahren lassen möchte, für den bietet sich hier eine tolle, kreative Möglichkeit. Mit einer gewissen kriminellen Energie ließe sich auch märklins MyWorld-Züge optisch in den Steampunk-Stil versetzen, entsprechende Design-Elemente bietet Hornby ebenfalls an. Und die MyWorld-Züge rollen ja sowieso auf AC- und DC-Gleisen. märklins Alpha-Bahn (auf eigenen Gleisen!) passt auch prima dazu; endlich mal ein Umstyling, bei dem niemand heult. 🙂

(c) NOCH, passend zum Steampunk eine ZITERDES Szene

HORNBY Steampunk: https://www.hornby.com/uk-en/bassett-lowke-steampunk

NOCH Ziterdes: https://www.ziterdes.de/

Zu allem Anderen finden sich genug Kommentare in den Foren und Zeitschriften. 🙂